Fegen?

Nein, ich war gestern nicht fegen. Das ist nicht meine Welt und derartige Bräuche* sind meiner bescheidenen Meinung nach überholt. Dennoch bin ich Runde 30 geworden. Darum mal ein kleiner Rückblick über das letzte Jahrzehnt.

Erst 1/3 der Lebenszeit rum. Die Lebenserwartung steigt drastisch an und wenn ich überlege, im Mittelalter wäre ich jetzt schon alt oder Tod gewesen.

Schon 1/3 des Lebens rum. Man kann die Medaille auch von der anderen Seite sehen. Nur noch 2/3 des Lebens, wenn es gut läuft, liegen vor mir. Und wenn ich ein paar Wissenschaftlern glauben kann, dann wir die Zeit mit dem Alter immer schneller. Also werden die kommenden Jahre immer kürzer und kürzer…

Years You Have Left to Live, Probably

Quelle: http://flowingdata.com/2015/09/23/years-you-have-left-to-live-probably/

Ein kleiner Rückblick auf meine 20er

Mit 20 gab es das Abi, anschließend durfte ich für neun Monate in einem Renault Twingo durch Bielefeld gurken und habe viele Erfahrungen während meines Zivildienstes gesammelt. Vermutlich mehr Lebenserfahrung, als in 1314 Jahren Schule. Dort im mobilen sozialen Dienst ging es hauptsächlich um Hilfestellungen im Alltag. Also für ältere Menschen einkaufen, das Treppenhaus reinigen, die Wohnung reinigen oder das Geschirr abspülen. Und gegen Ende war es noch ein kleiner Junge, der beaufsichtigt werden musste. Es waren auch ein paar sehr krasse Erfahrungen dabei, total vermüllte Wohnungen, Messiwohnungen, Menschen, die mit ihrem täglichen Leben überfordert waren.

Der Zivildienst war im Rückblick betrachtet eine sehr sinnvolle Erfahrung. Quatsch, dass dies direkt nach mir abgeschafft wurde. Aber ich bin gar kein Stück sauer auf die Änderung. Eher verärgert, dass sich unser Sozialsystem um diese Möglichkeit beraubt hat. Toleranz, Einblick in Abgründe, Selbstständigkeit, Eigenständigkeit – alles Dinge, die dort gefordert waren.

Studium?

Was danach kommen sollte, hatte ich mir eigentlich nie richtig überlegt. Studieren wollte ich wohl, aber was, war mir nie wirklich klar. Im Abitur hatte ich schon einige Webseiten geschraubt und dann irgendwann durch Zufall vom Bielefelder Studiengang Medieninformatik und Gestaltung gelesen. Auch gelesen, dass man dort eine Mappe für erstellen musste. Also eine Mappe mit meinen bisherigen Fotografien, ein paar Stücken aus dem Kunstunterricht zusammengestellt und das ganze dann in der Fachhochschule abgegeben. Ein paar Wochen später dann die Zusage bekommen. Ja, so einfach war mein Studienbeginn bzw. meine Bewerbung dazu.

Im Studium gab es wenig spannendes. Es war fast wie Schule. Alle paar Wochen wurden Klausuren geschrieben, wenn man das richtige gelernt hatte, dann konnte man bestehen – oder wie ich – hin und wieder dann ein paar Scheine wiederholen. Hat am Ende auch nicht geschadet. Schade war nur, dass ich den ersten Matheschein nicht im 1. Anlauf wiederholt habe, sondern ein Jahr gewartet hatte. Das hat mir am Ende dann noch ein Jahr extra eingebracht.

Parallel zum Studium meldete ich ein Gewerbe an und baute fortan auch zahlreiche kleinere und größere Webseiten.

Dennoch, das Jahr extra nutze ich schon mal aus, um zur Erkenntnis zu kommen, das ein Masterstudium nicht das ist, was ich mir vorstelle. Es war noch schlimmer verschult, als der Bachelor. Der Höhepunkt war ein Seminar im Hörsaal, wo in Gruppenarbeit gearbeitet werden sollte und anschließend Gruppenweise die Ergebnisse präsentiert werden sollten. Texte unterstreichen fand ich lahm, also in einer spontanen Aktion bei deterindesign beworben und binnen einer Woche dann meine erste Festanstellung in der Tasche gehabt.

Dort konnte ich meine Gestaltungskenntnisse noch einmal deutlich steigern. Mit der Realität bzw. Projekten aus der Realität machen dann Aufgaben auch viel mehr Sinn und Spaß. Die Schulterblicke dort, waren mehr Wert, als die Zeit an der FH, wo Frontal irgend welche Funktionen in Photoshop gezeigt werden, aber nicht, was man damit Zaubern kann. Da konnte ich mich mehr mit identifizieren.

Nach gut zwei Jahren hatte ich das Level der Kundenbandbreite durch und suchte (mehr unbewusst) nach einer neuen Herausforderung. Ich wollte größere Projekte kennen lernen, komplexere System verstehen und auch neue Kunden kennen lernen. Bisher waren es kleine und mittelständische Unternehmen mit überschaubaren Internetseiten

Eine Bewerbung gab es nicht. Die Kommunikation lief einzig über Google Hangout und ein paar Tage später saß ich mit den Bielefelder Jungs zusammen. Es waren nicht mehr die Information Architects, sondern nach einer Umbenennung Palasthotel – Gesellschaft für digitale Pracht mbH. Die Projekte hörten sich spannend an. Emma, Heinrich Boell Stiftung. Große Redaktionssystem, mit denen später viele Redakteure arbeiten sollten. Bisher kannte ich das nur, dass mich jemand anrief und ich dann im Redaktionssystem die Änderungen machen musste. So wurde ich der 2. Angestellte im Palasthotel.

Im Juli 2013 ging es direkt los. Ich weiß noch, dass ich am 2. Tag direkt nach Hamburg gefahren bin und dort in einem zweitägigen Workshop Drupalish gesprochen wurde und ich nur begrenzt die Dinge verstand. Mittlerweile hat sich das auch geändert. Unsere Projekte sind vielfältig, die Gestaltung ist abwechslungsreich und die Kunden sind es auch. Jetzt spreche ich auch schon Projektleiterbullshit, Entwicklerdeutsch und entwickle ein dickeres Fell, an dem die Anforderungen und Wünsche nur so abprallen können.

Puh, so viel berufliches schon passiert. Nebenbei gab es auch noch die erste eigene Wohnung an der Detmolder Straße. Unglaublich, wie lange wir es in dem Altbau ausgehalten haben. Im Winter heizte die Heizung auf Vollast und es wurde nicht richtig warm. Im Sommer war es – weil unter dem Dach – immer brütend heiß. Aber es war günstig. Die Kaltmiete waren lausige 220€ für ~55qm. Und es war eine laute Zeit. 3 Jahre Dauerbaustelle vor der Haustür haben auch bei uns ihre Spuren hinterlassen. Ein Wandregal hatte sich des Nachts mal entschieden aus 2.2m den Absturz zu wagen. Es war laut.

Durch Zufall und gar nicht geplant sind wir dann zu unser derzeitigen Bleibe im Bielefelder Westen gekommen. Eine Massenbesichtigung mit zig Leuten und wir waren die Ersten. Vermutlich hat dies am Ende des Ausschlag gegeben und wir konnten vom Osten in den Westen. Mittlerweile sind wir dort auch schon 3 1/2 Jahre und schätzen die Lage sehr.

Die 20er Jahre waren eine unruhige Zeit, viele unbeständige, sich wandelnde Phasen. Dennoch gibt es bereits seit knapp 9 Jahren eine Konstante: Anne. Danke Anne! Und wie du siehst, wir haben in den letzten Jahren schon ganz schön viele Höhe und Tiefen zusammen durchgemacht. Und das hier ist ja nur eine sehr oberflächliche Abhandlung. Da schaffen wir auch die nächsten Höhen und Tiefen zusammen :)

 

*) Man braucht heute nicht mehr zwingend heiraten um glücklich zu sein. Es sind ein paar Privilegien, die dies (meist finanziell) reizvoll machen. Aber im Falle einer Trennung das Leben danach zu einer kostspieligen Angelegenheit werden lassen. Ich sehe das ganze wie eine Versicherung. Da zahlt man auch im Leben ein und weiß nicht, ob es sich am Ende überhaupt einmal auszahlt.

3 Kommentare zu „Fegen?

  1. Herzlichen Glückwunsch auch auf diesem Wege nochmal. Das lustige am 30 werden ist ja: Da denkt man sich noch „1/3“ und beim nächsten Nullergeburtstag kommt dann schon die Midlife-Crisis, hihi.

  2. Wusste gar nicht, das du auch ein Steinbock bist. Aber passt zu dir ;-) In diesem Sinne alles Gute und Liebe zum 30sten. Wenn auch leider nur nachträglich. Aber da kann ich nix für. Mein Feed-reader zeigt mir die Beiträge erst einen Tag später an. Da ist ben dann dann schuld. Hi hi!

    LG, Katrin

    P.S.: Was du über Anne geschrieben hast finde ich sehr schön. So etwas ist sehr wichtig.

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